Artur P. Schmidt: Die erste grosse Weltwirtschaftskrise 1857

Skizze zur Weltwirttschaftskrise im Harper's Magazine von 1857.

Von Artur P. Schmidt
artur.schmidt@unternehmercockpit.com
Zum Aufschwung nach der Krise der Jahre 1847/1848 in Europa trugen vor allem die Goldfunde in Kalifornien (1849) und Australien (1851) sowie der Boom im Eisenbahnsektor und Bankwesen bei. Banken finanzierten den industriellen Aufschwung mit grossen Krediten, wodurch in den 1850er Jahren ein regelrechter Wirtschaftsboom ausgelöst wurde. Die Verbesserung der Verkehrssysteme zu Land und auf dem Wasser, wegweisende Fortschritte in der Nachrichtenübermittlung und die Entstehung von Grossunternehmen führten zu einem weltweiten Boom. Von besonderer Bedeutung für den späteren Ausbruch der Weltwirtschaftskrise war die Entwicklung des Weizenpreises. Als der Krimkrieg 1856 und damit abzusehen war, dass es wieder ein grösseres Angebot an Weizen geben würde, brach der Weizenhandel im amerikanischen Westen ein und die Wallstreet stand vor einem Zweifrontenkrieg. Aktien- und Weizennotierungen fielen auf breiter Front. Durch die fallenden Preise konnten viele Farmer ihre Schulden bei den Kaufleuten und Banken der Ostküste nicht mehr bezahlen.
US-Handelsbilanzdefizit bereits im 19. Jahrhundert
Wie auch heute war Amerika durch ein Handelsbilanzdefizit geprägt, wodurch ständig Gold aus dem Land abgezogen wurde, was die Goldreserven deutlich verringerte. Als im Sommer 1857 die Banken die Zinsen massiv anhoben, um das Abwandern der Goldreserven zu verhindern, brach die Spekulationsblase mit Pauken und Trompeten zusammen. Die meisten Investitionsprojekte wie Eisenbahnstrecken waren hauptsächlich mit geliehenem Geld finanziert, wobei auch die Bonitäten nur unzureichend überprüft wurden. Es bedurfte also nur noch eines fallenden Dominosteines, der das Kreditkartenhaus zum Einsturz brachte. Dieser fiel am 24. August 1857, als die New Yorker Filiale der Ohio Life Insurance and Trust Company unerwartet Konkurs anmelden musste. Das Finanzunternehmen hatte über fünf Millionen Dollar Kredite an riskante Eisenbahnprojekte ausstehen, wobei ein Grossteil dieser Gelder durch die Kreditnehmer veruntreut worden war. Der Schock sass tief, und die New Yorker Banken trauten sich plötzlich gegenseitig nicht mehr, weshalb die Zinssätze auf Kreditschulden massiv erhöht wurden. Wechsel von Kaufleuten und Schuldnern, die Liquiditätsprobleme hatten, wurden nicht mehr akzeptiert. Bei fast allen fälligen Krediten wurde die sofortige Zahlung eingefordert. Unter der New Yorker Bevölkerung, die einen Kollaps der US-Wirtschaft befürchtete, löste dies Panik aus, die als „Western Blizzard“ in die Geschichte einging.
Rekordverdächtige Ausbreitungsgeschwindigkeit
Die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Krise von 1857 ist noch heute rekordverdächtig. Sie breitete sich von New York und Ohio rasch auf Europa, Südamerika und Asien und damit den gesamten Planeten aus. Es war die erste globale Krise überhaupt, die übrigens starke Ähnlichkeiten mit der Krise von 2007/2008 aufweist. Trotz der globalen Tragweite der Krise währte sie nur etwa ein bis zwei Jahre. Dennoch fielen bekannte Bluechips 1857 an der New Yorker Börse innerhalb weniger Stunden um bis zu zehn Prozent ihres Wertes. Unmittelbar nach dem Aktiencrash zogen britische Kaufleute und Banken ihr Geld aus Amerika ab, wodurch der Preisverfall von Weizen und auch von Baumwolle immer dramatischer wurde. In der Folge konnten viele Eisenbahnprojekte nicht fertig gestellt werden und zahlreiche Banken gingen aufgrund zu geringer Eigenmittel bankrott. Die massive Verringerung der Goldreserve sollte Abhilfe schaffen, um die Lage zu entspannen. So wurde eine grössere Menge Gold aus den kalifornischen Minen als Sicherheitsreserve geordert. Jedoch sank der Postdampfer "Central America" am 12. September 1857, der mehrere Tonnen Gold nach New York bringen sollte, als er vor der Küste von South Carolina in einen Hurrikane geriet. Die Meldung vom Untergang löste in New York eine Massenpanik aus und die Kurse stürzten ins Uferlose. Was die pietätlosen Banker indes vielmehr schockte als die 426 Menschen, die ums Leben kamen, war der Verlust der Fracht.
Flächenbrand am 13. Oktober 1857 entfacht
Zum Flächenbrand breitete sich die Krise am 13. Oktober 1857 aus, als immer mehr landwirtschaftliche Kredite notleidend wurden und es in New York zu einem Bankenrun kam. An diesem Unglückstag der US-Ökonomie hatten die Banken in New York kein Geld mehr vorrätig und der junge Karl Marx sah bereits das Ende des Kapitalismus nahen. Viele Banken schlossen für immer. Durch die Telegrafie verbreitete sich die Panikstimmung in Windeseile im gesamten Land und Massenentlassungen waren die Konsequenz. Es war eine merkwürdige Situation, dass Wohlstand und Überfluss quasi über Nacht verschwanden und in einen Suppenküchen-Kapitalismus übergingen. Da die Banken kein Geld mehr zum Verleihen hatten, gab es auch kein Kapital mehr für Unternehmer, womit auch diese bankrott gingen. Das Land stürzte in eine Rezession, die von Hunger, Arbeitslosigkeit und Armut begleitet war. Damals schrieb die Chicago Tribune: „Pleite ist ein anderes Wort für Hunger“, und dies beschreibt die dramatische Situation der US-Ökonomie wohl am besten.
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