Artur P. Schmidt, CEO Unternehmercockpit (Teil 1)

Artur P. Schmidt, CEO Unternehmercockpit.

Von Peter Stöferle
Moneycab: Herr Schmidt, die Öffentlichkeit nimmt Sie vor allem als pointierten Publizisten und ebensolchen Kritiker von Auswüchsen der Finanzwelt wahr. Ihre bislang 11 veröffentlichten Bücher – darunter «Endo-Management», «Der Wissensnavigator», «Medium des Wissens» oder «Wohlstand_fuer_alle.com» – gelten als Standardwerke. Was bewegt Sie zum Schreiben?
Artur P. Schmidt: Ich denke, es ist die Pflicht eines jeden Einzelnen, Missstände, die er erkennt anzuprangern und sich dafür einzusetzen, dass unsere Gesellschaft in ihrer Entwicklungsfähigkeit nicht durch Bürokraten zu Grunde gerichtet wird. Zum Schreiben bewegt mich neben der Verantwortung für das Ganze auch der Erhalt meiner eigenen Gesundheit. Würde ich nicht Schreiben, hätte ich wahrscheinlich – angesichts der um sich greifenden Krankheit des Moralverlustes – permanent Magengeschwüre.
Beim Schreiben ist es notwendig geworden, Nadelstiche zu setzen, da sonst die allgemeine Lethargie und das Beharrungsvermögen nicht überwunden werden können. Nur wenn man einen Schmerz verspürt, ist man zum Umdenken bereit. Selbstbeweihräucherungsorgien haben immer nur zu Exzessen geführt, sei es beim Dotcom-Bubble oder bei Madoffs Ponzi-Schema. Viele Journalisten haben vergessen, die richtigen Fragen zu stellen. Wären diese in den letzten Jahren gestellt worden, hätten die Medien einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, die Weltwirtschaftskrise, wenn nicht zu verhindern, so zumindest in ihrer Wirkung abzuschwächen.
«Dass die Credit Suisse alles ganz anders gemacht haben soll als die UBS, ist sehr unwahrscheinlich. Deshalb sollte man auch hier besser von bösen Überraschungen ausgehen.»
Artur P. Schmidt, CEO Unternehmercockpit
Aufsehen erregen Sie soeben mit Ihrer dreizehnteiligen Artikelserie «Unter Bankstern» auf Telepolis. Darin schreiben Sie, dass auch die Credit Suisse nicht ohne Staatshilfe auskommen werde, wenn zunehmend die Gegenparteien ihrer Absicherungsgeschäfte pleite gehen. Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario?
Da wir es bei vielen Bankern tatsächlich mit Gangstern zu tun haben – wohlgemerkt, es gibt auch exzellente Bankiers, wie zum Beispiel der Privatbankier Konrad Hummler von der Bank Wegelin & Co. – geht es gar nicht mehr darum, wie wahrscheinlich es ist, ob ein Szenario eintritt. Wir haben vielmehr lernen müssen, dass man sich bei Banken, wenn es um ein wirksames Risk-Management geht, immer gleich auf den schlimmsten möglichen Fall einstellen sollte. Dass die Credit Suisse alles ganz anders gemacht haben soll als die UBS, ist sehr unwahrscheinlich. Deshalb sollte man auch hier besser von bösen Überraschungen ausgehen. Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es auch schief (Murphy’s Gesetz) und weitere Verwerfungen (z.B. ein Dollar-Crash oder einen Anleihe-Crash) dürften vielen Banken, die sich jetzt gerade noch über Wasser halten und nicht ohne immense Steuergelder kostende Wiederbelebungsmassnahmen überleben, an den Rande des oder in den Ruin treiben. Je komplexer eine Gesellschaft wird, desto mehr wird diese von der Fähigkeit abhängig, ihr Verhalten proaktiv voraussehen zu können. Verantwortung und Simulation müssen eine neuartige Synthese bilden. Da die Komplexität in den Märkten und Abläufen immer mehr zunimmt, kommen die Marktteilnehmer nicht mehr umhin, Unternehmer-Cockpits wie das unsrige (www.unternehmercockpit.com) als Navigationsinstrument einzusetzen. Die drei wesentlichen Vorteile für derartige Cockpits sind Früherkennung, Robustheit und die Lenkung von Vielfalt: Hierbei kommt es darauf an, dass nur ein Cockpit, das eine Vielzahl von Möglichkeiten simulieren kann, in der Lage ist, Komplexität zu lenken. Hierbei gilt es immer auch das Worst-Case-Szenario (die Systemkrise) mit einzubeziehen.
Im Teil 3 von «Unter Bankstern» rechnen Sie vor, dass die Schweiz im schlimmsten Falle nicht nur für die bislang übernommenen Ramschpapiere der UBS über 62 Mrd CHF geradestehen wird müssen, sondern dass das Gesamtvolumen der Abschreiber zulasten des Staates bis zu 750 Mrd CHF betragen könnte. Macht es Ihrer Ansicht nach unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch Sinn, den Banken unter die Arme zu greifen?
Nein, denn hier ist eine Grössenordung erreicht, die das Schweizer Bruttosozialprodukt überschreitet. Die Bilanz der UBS (2 Billionen CHF) und der Credit Suisse (1,2 Billionen CHF) machen zusammen 3.2 Billionen CHF aus. Da bei beiden Instituten mit einem möglichen Ausfall von mindestens 25% dieser Summen zu rechnen ist, wird die Eidgenossenschaft im Ernstfall etwa das 1,5-fache des Volkseinkommens (510 Milliarden CHF im Jahr 2007) an Verlusten zu schultern haben. Dies ist in der Geschichte der schweizerischen Wirtschaft ein bisher nicht gesehenes Klumpenrisiko. Kein Staat der Welt sollte wegen kriminellen Banken seinen eigenes Land in den Bankrott führen.
Auch finde ich es nicht korrekt, wenn z.B. die Zürcher Kantonalbank überschüssiges Geld angeschlagenen Grossbanken zu Verfügung stellt, da man gutes Geld schlechtem nie hinterherwerfen sollte. Eine kreative Zerstörung im Sinne Schumpeters erfordert, dass man diejenigen, die den Schaden angerichtet haben, nicht dafür belohnt, dass sie unfähig sind und schon gar nicht, dass man die Fehler auf die Steuerzahler abwälzt. Es dürfte für die Schweiz wesentlich billiger sein, im Zweifelsfalle die UBS untergehen zu lassen, als diese zu retten, da eine derartige Grossbank für ein kleines Land wie die Schweiz einfach zu gross geworden ist und die Eidgenossenschaft in eine vollständige Systemkrise führen könnte.
Ausserdem haben die UBS und ihre Manager-Sippschaft gar nichts anderes verdient, als unterzugehen. Es käme den Staat viel billiger, die UBS zu zerschlagen und den Kunden die Einlagen zu garantieren, als die ganze Schweiz in einen Hedge-Fonds mit nicht kalkulierbarem Risiko zu verwandeln. Mit der Sanierung der UBS und dem Ausverkauf des schweizerischen Goldbestandes, welcher der Globalisierung geopfert wurde, haben die Verantwortlichen dafür gesorgt, dass der schweizerische Staatsbankrott und damit auch eine mögliche Währungskrise im schweizerischen Franken in naher Zukunft nicht mehr auszuschliessen ist. Angeblich hat die Schweiz bei der Europäischen Zentralbank (EZB) bereits vorgefühlt, ob diese helfen würde, falls die eigene Kraft nicht mehr ausreicht, die Probleme der Grossbanken zu schultern.
Dass mit Philipp Hildebrand, dem Vizepräsidenten des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, ein ehemaliger Hedge Fund-Manager in der obersten Führung der Nationalbank sitzt, der dem Zinssenkungs-Fetischismus huldigt, erhöht das Risiko, dass sich die Schweiz in Bälde in ein zweites Island verwandelt. Dies ist eine ähnliche Fehlbesetzung wie Barack Obamas Finanzminister Timothy Geithner, der als Präsident der Federal Reserve Bank of New York massgeblich für das Versagen der Bankenaufsicht im Vorfeld der Finanzkrise verantwortlich war.
Wie hoch schätzen Sie das Risiko eines schweizerischen Staatsbankrottes ein und wie könnte man das Risk-Management zukünftig verbessern?
Es fällt auf, das weltweit gerade diejenigen die beim Risk-Management total versagt haben, jetzt plötzlich die Erleuchteten sein sollen, die aus dem Finanz-Stalingrad einen Sedan-Sieg hervorzaubern sollen, wenn sie mir diesen Vergleich aus der deutschen Militärgeschichte erlauben. Das Mittelmass hat leider überall in der Wirtschaft Einzug gehalten und es stützt sich gegenseitig. Eine Flasche hackt einer anderen Flasche keine Auge aus, im Gegenteil ist es Teil der heutigen Filzokratie, dass nur diejenigen Führungspositionen bekommen, die ihren jeweiligen Vorgesetzten huldigen.
Aus meiner jüngsten, auf OECD-Zahlen basierenden Risikoanalyse der Schweiz hinsichtlich eines möglichen Staatsbankrottes geht glasklar hervor, dass die Schweiz diesbezüglich ein vergleichbares Risiko trägt wie Island, nur will das niemand wahrhaben. Ähnlich wie beim Verhältnis zwischen der Kaupthing-Bank und dem Staat Island ist die Bilanzsumme der UBS rund 6,8 Mal grösser als das Bruttosozialprodukt der Schweiz. Die UBS wollte mit den grössten Banken der Welt mithalten und ging deshalb Risiken ein, die vergleicht man sie mit der Bank of America etwa 50 mal so hoch waren, als es für die Grösse der Eidgenossen angemessen gewesen wäre. Damit ist die Schieflage der UBS schon seit Ausbruch der Finanzkrise kein Problem der Wirtschaft mehr, sondern der Schweiz als Ganzes. Wenn eine Bank eine Bilanz hat, die das Bruttosozialprodukt eines Landes um das Mehrfache übersteigt, so muss das Risiko-Management der Aufsichtsgehörden auf dem höchsten Stand der Technik sein. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn sonst hätten die Anforderungen an das Eigenkapital an eine Bank, die ein Systemrisiko beinhaltet, wesentlich höher sein müssen.
Es liesse sich hier eine einfache Regel aufstellen, die es einzuführen gilt. Das Eigenkapital einer internationalen Grossbank sollte immer mindestens 10 % betragen. Übersteigt die Bilanz einer Bank das Bruttosozialprodukt eines Landes so sind die 10 % mit dem Faktor aus Bilanzsumme/Bruttosozialprodukt zu multiplizieren. Gemäss dem eingegangen Risiko hätte die UBS über eine Eigenkapitalquote von 66 % verfügen müssen. Betrachtet man das Risiko-Verhältnis der Eigenkapitals (das Verhältnis aus der notwendige Eigenkapitalquote zur tatsächlichen Eigenkapitalquote), so hat die UBS sogar noch einen schlechteren Wert als die isländische Kaupthing Bank. Nur eine dynamische Eigenkapitalanpassung an das Risiko hätte es den UBS-Managern erlaubt, das Systemrisiko für die Schweiz auszuschalten.
Stattdessen wurde in völlig unverantwortlich Weise an den Finanzmärkten gezockt. Finanz-Wikinger wie Zürcher Gnome haben zu hoch gepokert und jetzt soll wie in solchen Fällen üblich der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden. Was jedoch viel schlimmer wiegt, als die Schieflage als solches ist, dass die Bevölkerung für dumm verkauft werden soll und die Wahrheit, wenn überhaupt nur scheibchenweise, sozusagen in homöopathischen Dosen, verabreicht wird. Vielleicht wird deshalb alles verschwiegen, weil man in den Führungsetagen der Notenbank und der führenden Banken eh weiss, dass der schweizerische Staat eine Schieflage dieser Grössenordung alleine nicht schultern kann.
Das Versagen der St. Galler Shareholder Value-Mafia ist allgegenwärtig, wenn man sich die Zunahme der Unternehmensbankrotte in den letzten Monaten in der Schweiz vergegenwärtigt.
RISK ANALYSIS SWITZERLAND
Balance Sheet 2007
|
GDP Billion USD using PPPs |
Biggest Bank |
USD Billions |
Balance Sheet/GDP |
Equity Ratio % |
Leverage |
Min. Equity Ratio % |
Equity Risk Ratio | |
| Germany |
2'768.5 |
Deutsche Bank | 2'800 | 1.01 | 1.80 | 55.56 | 10.10 | 5.61 |
| Iceland |
11.8 |
Kaupthing Bank | 80 |
6.79 |
6.60 |
15.15 |
67.90 |
10.29 |
| Switzerland |
303.7 |
UBS |
2'000 |
6.58 |
2.10 |
47.62 |
65.80 |
31.33 |
| United Kingdom |
2'111.9 |
RBS |
3'700 |
1.75 |
4.50 |
22.22 |
17.50 |
3.89 |
| United States |
12'776.5 |
Bank of America |
1'700 |
0.12 |
7.00 |
14.29 |
10.00 |
1.43 |
UBS-Risk in comparison to Bank of America: 53,36
UBS-Risk in comparison to Kaupthing Bank: 0,97
OECD in Figures 2008 - OECD © 2008 - ISBN 9789264055636
Economy > Gross domestic product, 2007
Abb.: Risiko-Analyse der Schweiz; Quelle: www.bankingcockpit.com
Prognosen sind derzeit kaum zu stellen. In welcher Bandbreite bewegen sich Ihre Erwartungen in Sachen Weltwirtschaftskrise zwischen «worst» und «best case»?
Was für heute als «best case» definieren können, wäre noch vor wenigen Monaten der «worst case» gewesen. Eine weiche Landung der US-Wirtschaft wird es nicht geben. Die einzige Frage, die sich aktuell stellt, ist nicht mehr, ob der Staats-Bankrott kommt, sondern nur noch wann. Selbstverständlich gibt es nach extremen Einbrüchen immer Erholungsphasen an den Aktienmärkten, jedoch scheinen die Verwerfungen der US-Wirtschaft so gross zu sein, dass sich die Amerikaner auf eine lange Leidenszeit einstellen müssen. Ich rechne hier mindestens mit einer 10-jährigen Phase der Depression.
Der «worst case» ist der baldige Staatsbankrott der USA. In vergleichsweise kurzer Zeit könnte die amerikanische Gesamtverschuldung bereits auf über 20 Billionen US-Dollar ansteigen. Irgendwann ist dann der Zustand erreicht, wo sämtliche Staatseinnahmen in etwa die Höhe der Zinszahlungen erreichen. Dies liegt daran, dass die Zinseszinsuhr schneller als die Schuldenuhr tickt. Spätestens dann käme der ultimative Offenbarungseid und Amerika müsste seinen Bankrott und damit den des Weltfinanzsystems eingestehen. Viele Anlagepreise werden dann weiter fallen und es werden weitere Vermögen im Milliardenbereich ausgelöscht. Millionen von Menschen werden wieder in Miete wohnen müssen und alle ihre Ersparnisse für den Ruhestand verlieren. Hunderttausende von Unternehmen werden weltweit Konkurs anmelden und das Geldsystem wird wohl zum grossen Zapfenstreich antreten müssen. Zu allem Überfluss könnte es in China auch noch zu Unruhen, ja sogar einer Revolution kommen und der Militär-Kapitalismus zusammenbrechen. Dies alles ist jedoch nicht weiter schlimm, es ist lediglich das Ende einer Epoche und der Beginn einer Neuen. So war es immer in der Menschheitsgeschichte.
Der Managerkapitalismus hat ein perfides Wirtschaftssystem der Selbstbereicherung hervorgebracht, das heute als gescheitert angesehen werden muss. Es wird deshalb einen radikalen Schnitt geben müssen: der Abschied von einer Geldpolitik der Schuldenakkumulation! Entweder gelingt es der Wirtschaft, sich so schnell wie möglich über neue Modelle zu demokratisieren, oder es wird einen Kollaps ungeahnten Ausmasses geben, in Folge dessen es zur grössten Massenarbeitslosigkeit der Geschichte kommen wird. Geldvermögen und Schulden sind in den letzten Jahren um ein Vielfaches des Bruttosozialproduktes angestiegen. Dies bedeutet, dass immer grössere Summen unserer Steuergelder für Zins- und Zinsenzins aufgewendet werden müssen. Zu allem Überfluss verringert sich auch noch die Kaufkraft der Bürger immer weiter. Damit wird die Handlungsfähigkeit des Staates untergraben. Die Welt braucht kein Wirtschaftssystem, welches vom Wohlwollen der Reichen und ihrer Mittelverteilung nach Gutsherrenart abhängig ist, sondern ein System, welches das staatliche Schuldenmachen auf Zinsbasis vollkommen als Finanzierungsinstrument ausschliesst. Gelingt dies nicht, kann die Weltwirtschaftskrise zu einer ernsthaften Krise der Gesellschaft werden. Mit einem Gewaltpotenzial (siehe Griechenland), von dem wir vielleicht noch nichts ahnen wollen.
[1] 2 Fortsetzung...
Artur P. Schmidt: Deutschlandfunk-Interview vom 02.12.07 - Teil 1 (mp3, 27,7 MB)
Artur P. Schmidt: Deutschlandfunk-Interview vom 02.12.07 - Teil 2 (mp3, 52,6 MB)
Anti-Flaring: How to prevent the market from overheating
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