Artur P. Schmidt: Die erste grosse Weltwirtschaftskrise 1857

Skizze zur Weltwirttschaftskrise im Harper's Magazine von 1857.

USA glücklicherweise noch ohne Fed
In den USA gab es damals glücklicherweise noch keine Zentralbank, welche die Krise hätte verschärfen können. Wohl deshalb war bereits Ende 1857 das Allerschlimmste überstanden und die Wirtschaft erholte sich innerhalb von ein bis zwei Jahren recht schnell wieder von der Krise. Eine grosse Depression blieb aus. Es gab auch zahlreiche Profiteure der Wirtschaftskrise wie Cornelius Vanderbilt oder Moses Taylor, die durch niedrige Aktienkurse und zahlreiche Pleiten die Stellung ihrer Unternehmen stärken konnten. Da der Süden Amerikas aufgrund der niedrigen Preise für Baumwolle nicht so stark unter der Krise litt, wurden die Spannungen zwischen den Nord- und Südstaaten im Laufe der Zeit immer grösser, was mit zum Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges im Jahre 1861 führte.
Die erste Weltwirtschaftkrise in Europa
Auch in Europa hatte ein Gründerboom die Börsen bis zum Jahr 1857 auf neue Höchststände geführt. Während in Frankreich Eisenbahnaktien en vogue waren, in Grossbritannien Eisenbahnaktien und Weizen, in Skandinavien Schiffsbau und Bergwerke, waren in Deutschland vor allem Bankaktien das Hauptspekulationsobjekt - mit Ausnahme von Hamburg, wo vor allem in Zucker und Kaffee spekuliert wurde. Während es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland noch wenige Privatkredite gab, änderte sich dies mit dem Aufkommen der Privatbankiers zur Mitte des Jahrhunderts. So entstanden neue Banken, insbesondere Kreditgenossenschaften und Aktienbanken, die das Recht hatten, eigenes Geld in Umlauf zu bringen. Durch die Überschwemmung der Wirtschaft mit Krediten rasten die Bankaktien zu immer neuen Höchstständen, wobei das Ende des Krimkrieges die Kurse weiter beflügelte. Als immer mehr Neuemissionen den Markt überschwemmten, kamen die europäischen Finanzmärkte ab Ende August 1856 immer mehr unter Abgabedruck. Anfang des Jahres 1857 sorgten Gerüchte über ein vollkommenes Zahlungsverbot für ausserpreussische Geldscheine für weitere massive Abgaben. Im Spätsommer 1857 verursachte der Crash in Amerika zunächst einen Banken-Run in London, Edinburgh und Dublin. Zur Krisenvermeidung setzte die Regierung den Peelschen Bankakt ausser Kraft, ein Gesetz von 1844, welches die Bank of England in eine von den Direktoren geleitete Bank-Abteilung (frei von staatlichen Einschränkungen) und eine Notengeld-Abteilung aufteilte.
Gier greift um sich
Auch Hamburg, das intensive Wirtschaftsbeziehungen zu England, den USA und Skandinavien pflegte, wurde zunehmend von der Krise getroffen. Die Hamburger Kaufleute, sonst auf Ehrlichkeit und Verlässlichkeit ihrer Geschäfte bedacht, packte Mitte des 19. Jahrhunderts ebenfalls die Gier. Man verlieh exzessiv Geld. In grossem Umfang wurden Handelswechsel in Umlauf gebracht, welches zu einer immer hemmungsloseren Wechselreiterei ausuferte. Für die Banken waren es zwar riskante, aber gewinnbringende Spekulationsgeschäfte. Insbesondere der Handel mit Nordamerika warf hohe Gewinne ab. Zwei der bekanntesten Gründungen war die 1847 von den Unternehmern Merck, Godeffroy, Laeisz gegründete "Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actiengesellschaft" (Hapag) und die von Solman 1850 gegründete Dampferlinie nach Amerika, dem "Land der unbegrenzten Möglichkeiten".
Boomender Handel mit Skandinavien
Aber auch der Handel mit Skandinavien boomte. Insbesondere die von schwedischen Firmen gewährten Schiffsbau- und Bergbaukredite sollten 1857 vielen Hamburger Unternehmen zum Verhängnis werden, wie dem alteingesessenen Kolonialhandelsunternehmen Conrad Warneke. Als die Weltwirtschaftskrise im Herbst 1857 nach Hamburg überschwappte, blieb kein Handelshaus von diesem Erdbeben verschont. Denn kein Mensch wollte die im Hamburger Hafen liegenden Waren aus aller Welt im Wert von 500 Millionen Mark abrufen. Termingeschäfte wurden nicht abgerufen und immer mehr Wechsel platzten. Die Hamburger Krise überrascht umso mehr, als die Weltwirtschaftskrise aus den künstlich erhöhten Preisen der Papierwährungen entstand, Hamburg jedoch nur Silbergeld einsetzte. Auch das Auflegen eines Hilfsfonds, der zu einem Drittel aus Staatsanleihen und zwei Drittel aus geliehenem Silber bestehen sollte, scheiterte, da niemand bereit war, den ehrbaren Hamburger Kaufleuten Kredit zu geben.
Schwarzer Dezember
Am 8. Dezember 1857 erreichte die Krise ihren Höhepunkt, als nahezu alle Hamburger Banken vor der Pleite standen und Handelsschiffe, aus Angst, kein Geld zu bekommen, nicht mehr entladen wurden. Dann kam die erlösende Nachricht aus Wien. Österreich würde die benötigten Mittel bereitstellen. Am 12. Dezember 1857 traf der "Silberzug" mit 13 mit Silberbarren beladenen Waggons in der Hansestadt ein, womit Hamburgs Unternehmen gerettet waren. Innerhalb von sechs Monaten wurden die gesamten Schulden plus sechs Prozent Zins von den Hanseaten zurückbezahlt. Es dauerte zwar noch einige Monate, bis die Hamburger Wirtschaft und in Folge auch Skandinavien wieder Tritt fassten, da eine weltweite Rezession nach den Ereignissen von 1857 die Folge war, doch das Schlimmste war überstanden.
Artur P. Schmidt
Der Wirtschaftskybernetiker Dr.-Ing. Artur P. Schmidt wurde in Stuttgart geboren. Er besuchte im Stadtteil Zuffenhausen das Ferdinand-Porsche-Gymnasium und machte dort das Abitur. Das Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart und Berlin schloss er im Alter von 27 Jahren mit der Bestnote im Fachgebiet Raketentechnik ab, so dass ihm von Prof. H.H. Koelle die Promotion angetragen wurde. Im Alter von 30 Jahren erhielt Artur P. Schmidt den Doktortitel für ein kybernetisches Marktanalyse-Verfahren am Beispiel der Strategischen Planung von Airbus Industries. Nach einer Beratungstätigkeit bei Anderson Consulting sowie als Leiter der Strategischen Analyse der Ruhrgas AG war Dr. Schmidt Stipendiant der Stiftung zur Förderung der systemorientierten Managementlehre und letzter Schüler von Prof. Hans Ulrich, dem Begründer des St. Galler Management-Ansatzes. Während dieser Zeit begann Dr. Schmidt seine publizistische Laufbahn, aus denen Bestseller wie «Endo-Management» und «Der Wissensnavigator» sowie Wirtschaftsbücher wie «Wohlstand_fuer_alle.com» oder «Crashonomics» hervorgingen. Sein neuestes Buch, welches im EWK-Verlag (www.ewk-verlag.de) erschienen ist, heisst «Unter Bankstern».
Heute ist Artur P. Schmidt Herausgeber des Online-News-Portals www.wissensnavigator.com sowie der Finanz-Portale www.bankingcockpit.com, www.wallstreetcockpit.com, www.futurescockpit.com und www.optioncockpit.com sowie Geschäftsführer der Tradercockpit GmbH (www.cockpit.li). Dr. Schmidt ist ein gefragter Keynote-Speaker sowie Kolumnist für zahlreiche Finanzpublikationen.
Zurück 1 [2]