Dr. Anja Hochberg, Leiterin internationale Volkswirtschaft Credit Suisse

Dr. Anita Hochberg, Leiterin internationale Volkswirtschaft Credit Suisse.

von Radovan Milanovic
Noch Mitte September sprach Volkswirtschafts-Bundesrätin Leuthard von „Null Indizien“ für eine Rezession. Inzwischen hat uns die Wirklichkeit eingeholt. Die 10 bisherigen Rezessionen seit 1948 haben im Durchschnitt 11,4 Monate gedauert. Angenommen, die US-Rezession hat im Spätsommer 2008 begonnen, dürften die Auswirkungen – aufgrund der grossen Tragweite - mindestens diese Durchschnittsperiode umfassen. Wie sehen Sie die zeitliche Entwicklung?
Wir gehen davon aus, dass die aktuelle Rezession als eine der intensivsten und längsten in die Nachkriegsgeschichte eingehen wird. Lang ist die Rezession bereits, da sich die USA gemäss der Einschätzung und Definition des NBER (National Bureau of Economic Research) bereits seit Dezember 2007 in der Rezession befinden. Der drastische Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität im 4. Quartal 2008 mit einem Rückgang des realen Bruttoinlandsproduktes in den USA, aber auch in der EWU von annualisiert rund 6% zeigt zudem das Ausmass der Krise. Angesichts dieser Dimensionen gehen wir nicht von einer schnellen und starken Erholung aus. Gleichwohl mehren sich zumindest die Zeichen für eine Stabilisierung. Diese gilt es jedoch angesichts der verbliebenen hohen Risiken, intensiv zu überwachen. Fiskal- und Geldpolitik haben global Unterstützung in ungeahntem Ausmass und auch in neuen Formen gewährt. Eine zeitnahe Umsetzung der angekündigten Massnahmen ist nun entscheidend, um das Vertrauen von Investoren aber auch von realwirtschaftlichen Akteuren wie Konsumenten und Unternehmen, zu stabilisieren.
Wie schätzen Sie die Konjunkturprogramme des Bundes ein?
Bisher hat der Bund Massnahmen im Umfang von insgesamt rund CHF 1.5 Mrd. in Aussicht gestellt. Dies entspricht rund 0.3% des Bruttoinlandproduktes und ist damit im internationalen Vergleich bescheiden. Die Massnahmen bestehen einerseits aus vorgezogenen Ausgaben für Infrastrukturprojekte oder aus Anstrengungen zur Exportförderung. Zum anderen wird mit der Freigabe der Arbeitsbeschaffungsreserven der Arbeitsmarkt gestützt. Weil zur Finanzierung der Programme lediglich der Spielraum von automatischen Stabilisatoren wie der Schuldenbremse ausgeschöpft wird, wird es zu keiner Neuverschuldung des Bundes kommen. Dies ist neben dem vergleichsweise geringen Umfang der Programme ein weiterer Unterschied zu vielen Fiskalprogrammen im internationalen Umfeld. Die Zurückhaltung des Bundes ist zum Teil auf die Erfahrung zurückzuführen, dass in einer kleinen, exportorientierten Volkswirtschaft die Wirkung von Konjunkturprogrammen vergleichsweise gering ist und leicht verpuffen kann. Zudem profitiert die Schweiz durch ihre hohe Exportorientierung von anderen globalen Fiskalprogrammen. Dennoch erachten wir die Wahrscheinlichkeit für weitere stützenden Massnahmen für sehr realistisch.
Allerdings sind aus Parlamentarierkreisen auch kritische Stimmen zu hören. Das Wirkungspotenzial ist nicht unumstritten. Nachdem von der Realwirtschaft bisher die Exportwirtschaft von der Krise am härtesten und unmittelbarsten getroffen wurde, wird die Idee unterstützt, Stützungsmassnahmen für die Exportwirtschaft und nicht für den Infrastrukturbereich zu ergreifen. Dies hat zudem den Vorteil, dass die Exportwirtschaft somit besser von den im Ausland lancierten Konjunkturprogrammen profitieren kann.
Die Credit Suisse glaubt, dass die Exportindustrie am meisten betroffen, der Detailhandel jedoch als Gewinner aus der Krise kommen wird. Gehen Sie nicht davon aus, dass die Sorge um den Arbeitsplatz und die Altersvorsorge das Sparaufkommen ansteigen wird?
Als kleine offene Volkswirtschaft ist die Schweiz sehr stark von der ausländischen Exportnachfrage abhängig. Die gesamten Exporte stellen mit rund 55% einen beträchtlichen Teil des Bruttoinlandprodukts dar. Die Verschlechterung der globalen Konjunkturlage dürfte sich entsprechend negativ auf den inländischen Exportsektor auswirken. Vom privaten Konsum erwarten wir – vielleicht nicht gerade als Gewinner – aber immerhin noch einen positiven Wachstumsbeitrag. Angesichts steigender Arbeitslosenzahlen dürfte das Wachstum aber deutlich bescheidener ausfallen als in den Vorjahren. Die tiefere Inflation und höhere Reallöhne sind positive Faktoren, die die Eintrübung auf Konsumentenebene abfedern dürften. Einen deutlich negativen Beitrag dürften hingegen die Ausrüstungsinvestition angesichts des eingeschränkten Nachfragepotenzials, der hohen Unsicherheit und der wieder geringer ausgelasteten Kapazitäten erbringen.
„Als kleine offene Volkswirtschaft ist die Schweiz sehr stark von der ausländischen Exportnachfrage abhängig. Die gesamten Exporte stellen mit rund 55% einen beträchtlichen Teil des Bruttoinlandprodukts dar.“ Dr. Anja Hochberg
Wie lauten Ihre Wachstumsprognosen der CS für die Schweiz für dieses und das nächste Jahr? Und für Euroland, sowie die USA?
Laut unseren neusten Prognosen wird die Schweizer Wirtschaft im Jahr 2009 um 2.0% schrumpfen, hingegen im nächsten Jahr 0,6% anziehen. Wir erwarten auf das Gesamtjahr 2009 gerechnet im Mittel eine Inflationsrate von 0.2%, nach 2.4% im Vorjahr. Die Arbeitslosenrate dürfte 2009 deutlich auf 4.1% im Jahresmittel ansteigen. Für 2009 sehen wir für die USA ein BIP-Rückgang von 2,1%, jedoch für 2010 bereits wieder ein Wachstum von +1,9%, während wir für die Eurozone im gleichen Zeitraum von -2,4, resp. 1,0% ausgehen.
Welche Kursentwicklung sehen Sie beim Euro und dem USD?
Das Jahr 2009 dürfte unseres Erachtens ein Jahr des Übergangs von einem eher starken Dollar hin zu einem schwachen US-Dollar werden, insbesondere gegenüber dem Euro, aber auch gegenüber dem Schweizerfranken. Noch im 4. Quartal profitierte der US-Dollar vom "Deleveraging", d.h. dem Zurückführen von kreditfinanzierten Positionen in USD und der "Repatriierung", d.h. dem Zurückführen von ausländischen Anlagen in die USD-Heimwährung. In einer Welt mit anhaltend niedrigen Zinsen stellt sich unseres Erachtens die Finanzierungsfrage in den USA deutlicher als jemals zuvor. In 12 Monaten könnte daher der EUR/USD durchaus die 1.38 wieder in Angriff nehmen.
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